éclats no.01, Digitalprint auf Glas, 85 x 66 cm, 2025
éclats no.03, Digitalprint auf Glas, 85 x 66 cm, 2025
Fassungsvermögen von Unfassbarem
zu den Arbeiten von Serge Hasenböhler
Fragmente sind stofflich übrig Gebliebenes oder etwas, dass noch nicht fertig gestellt wurde. Beginn und Ende des fragmentarischen Bildstücks, ob Torso oder bemalte Scherbe haben gemein, dass sie abrupt auftreten: Das vorhandene Stück bietet dann alles, mit dem wir umgehen müssen. Ein Pars pro toto, sowohl von seinem Zentrum, als auch von seinen Rändern her erfahrbar. Unvollendet oder abgebrochen, der Rest ist vielleicht denkbar, imaginär, aber nicht sichtbar, fehlt. Der Bruch kommt unerwartet, entbehrt einer nachvollziehbaren Logik und muss in seinem So - Sein akzeptiert werden. Wir suchen nach Zusammenhang, Kontinuität, Verbindung, Kausalität. Warum endet das Stück gerade hier? Wieviel ist noch erkennbar? Wie sind die vorhandenen Bilddaten zu lesen? Die formale Konsistenz des Fragments folgt einer Seinsweise, jenseits einer gewollt geplanten, komponierten Struktur. Die Konfrontation ist immer Überraschung, prallt mit erlerntem Wissen und konditionierter Lesbarkeit zusammen, bis hin zum visuellen Schock.
Die Collage als Bildform entnimmt ihre Existenz dem Bruch, ohne diesen zu vertuschen, ist er sogar elementar. Die Sichtbarkeit der Nähte zwischen sinnhaft oder sinnlos amputierten Bildstücken wird eingesetzt, um Absurditäten zu kreieren: Formen werden umfunktioniert im verzweifelten Versuch, den Paradoxien des Wahnsinns habhaft zu werden, begreifbar dem Unbegreiflichen zu begegnen.
Fremde Bildstücke werden zu einer Liaison gezwungen, deren Eigenheit bestehen bleibt. Auch bei lokaler Nähe sprengen die Inhalte auseinander, strapazieren unser Sehfeld. Es wird daran appelliert, beim Betrachten eine formal – inhaltliche Logik herzustellen, gleichsam wird eingefordert, eben genau diesen Impuls loszulassen. Dechiffrierungsversuch und Akzeptanz seiner Unmöglichkeit geschieht simultan. Das Bedürfnis nach Auflösung des Rätsels wird gestört, verunmöglicht. Die Fotocollage als künstlerisches Bild wurde berühmt, als die Welt in Splitter zu zerfallen drohte und es auch tatsächlich tat, die Menschlichkeit selbst sich in immer brutaleren Zersetzungsformen ergab, bis nur noch irgendein Material übrigblieb, nicht mehr erkennbar ob lebendig, verstümmelt, brauchbar oder gefährlich. Fotografien als verlässliche Realitätszeugen, an den Stellen zerschnitten, wo es dem Formganzen zuwiderläuft, wiederum aneinander montiert, produzieren hybride Gebilde, nicht selten monströsen Inhalts. Gezeigte Konsistenzen von flüssig, schleimig, fest, porös, die Vermischung kann Übelkeit evozieren.
Etwas passend machen ist ein gewaltsamer Akt, geschieht mittels drücken, aufpfropfen, biegen. Aber auch Genauigkeit ist nötig: Präzision an den Schnittkanten, Berechnung von Grössenverhältnissen: Kalkulation, ein rational kühles Unterfangen, demnach umso gewaltsamer. Ungewissheit hat keinen Platz, sofort wird etwas anderes angesetzt, für das Nachsinnen um Verlorenes ist kein Raum, umso lauter ruft das neu angesetzte Stück das verschwundene in Erinnerung oder beschwört es in der Vorstellung.
Aber auch Neues entsteht in dieser Weise, noch nicht gedacht oder existent vorher; es muss eine Erfindung her, damit nicht alles verloren ist. Zusammenfügen und Auseinanderfallen sind gegenläufige Energien, die uns in den neuen Arbeiten von Serge Hasenböhler in Spannung halten und auch mit einer früheren Arbeitsweise verbinden, als er mit einem Scanner in den Wald ging, um Bildmaterial herzustellen, durch direkten Kontakt, dem Ziehen der Maschine über Pflanzenstrukturen. Es geschahen Übertragungen in Zusammenarbeit von gezielter Bewegung und maschineller Eigendynamik, um sich dann in einem Algorithmus zu verselbstständigen.
Die neuesten Bilder von Serge Hasenböhler zeigen eine Affirmation der Machart von Glasbildern unterschiedlicher Provenienz, entlehnt aus der Heraldik oder sakralen Szenerien, demnach aus den Ursprungserzählungen von Zugehörigkeiten: kulturellen, familiären oder religiösen Ursprungs. Fakten und Erfahrungen zum Trotz, halten sich Vorstellungen der Linearität von Geschichte und Stammbäumen. Bleiverglasungen sind jedoch nur in Zusammenstellungen von Teilen herstellbar. Bildkontinuitäten werden aufgeteilt. Himmelraum wird in Flächen aufgespalten, Vor -und Hintergrund auf dieselbe Bildebene gebracht. Als Halt gebende Notwendigkeit zerlegen Bleistege in Glasbildern den Bildzusammenhang in amorphe Formen, trennen Köpfe vom Rumpf, ein rücksichtsloses Unterfangen, die Integrität von Figuren muss sich materieller Notwendigkeit beugen.
Serge Hasenböhler nimmt die vorgegebenen Bleinetze, löst sie vom vorherigen Kontext und füllt die Zwischenräume mit Versatzstücken neu. Dass Flächen aus ihren Einzelteilen bestehen, malerisch erforscht, gilt als ein Paradigma der Moderne: Fläche an Fläche ergibt Raum. Bei Hasenböhler sind es Scherben, Eclats, energetische Bewegungen von Brechen und Kleben fotografischer Bildstücke, die ein Bildganzes proklamieren. Immer wieder kommen uns hier Körperzitate entgegen: Häute, Fleischliches, Undefiniertes, Kaulquappen oder Sperma, farbig schrill neben dumpf. Assoziativ zusammengebaut, sind die Bilder fordernd, frappieren. Bei Körperlichem können wir uns kaum davor schützen, in eine Beziehung zu geraten, die entweder bei Identifikation oder in Abwehr landet. Augen, menschlich und tierisch, blicken uns durch die Glasmasse der Eclats an, verstörend in dieser Direktheit und auch selbst bedroht von umliegenden Schärfen. Das ehemalige Bleigerüst, in den Eclats schwarz – weisse Linienstruktur, erfüllt die paradoxe Aufgabe von Trennung und Verbindung. Antipoden von galaktischem Bildmaterial trifft auf mikroskopische Fraktale. Die Energie von Brüchen wird hier umgelenkt, bildlich herausgeschleudert. Es strotzt und platzt heraus. S´eclater de rire, vor Lachen platzen – hier eine schrille Bewegung, das Lachen überschlägt sich, schreit. Die Aussengrenzen der Bildgefüge erweitert Hasenböhler in grafisch - organische Ausstülpungen, Kanten, Spitzen, herausstechend und überquillend. Eine transformierte Rahmung, die sich in neuer Ornamentik zu befreien versucht. Der jeweilige Bildorganismus weist Strukturen auf, die sich von weiteren Eclat- Sujets unterscheiden lassen, ihre individuellen Rhythmen pulsieren in unterschiedlicher Geschwindigkeit. Wenn Kausalitäten als Bedingung für das Bildgeschehen existieren, dann jedoch im Untergrund, das Sichtbare zeigt sich gebrochen. Die neuen Arbeiten von Serge Hasenböhler erinnern uns an die unaufhörlich mühevollen Bewegungen der Herstellung mannigfaltiger Verbindungen und ihrer Auflösung, bei denen das Bildhafte selbst sich so weit aufsplittert, bis es sich seiner Lesbarkeit zu entziehen sucht. Immer feinere Aufsplitterungen landen nicht in einer Leere, sondern geraten in atomare Zustände, es geht immer weiter in die Richtung des Inneren. Die Modi von Zusammenbringen und Zersetzen veräussern sich in einer nicht zu entrinnenden, sich gegenseitig bedingenden Bewegungsunendlichkeit. Sind die Teile auch noch so undefiniert, sie sind ein Etwas. In der Mehrzahl zusammengefügt und wieder in den Zerfall geraten, gehalten, zerbröselnd, eingeschnürt und überlaufend. An welcher Sphäre des Seins wir ansetzten: Abbildend oder metaphorisch, die Eclats von Serge Hasenböhler greifen Existentielles auf, ohne sich zu verraten, behaupten sich als eigenständige Bildwesen mittendrin und ausserhalb dessen, was wir als Realität zu begreifen fähig sind.
Text auf Französisch
Regine Bungartz, Februar 2025
éclats no.02, Digitalprint auf Glas, 85 x 66 cm, 2025
éclats no.04, Digitalprint auf Glas, 85 x 66 cm, 2025
éclats no.05, Digitalprint auf Glas, 85 x 66 cm, 2025
éclats no.06, Digitalprint auf Glas, 85 x 66 cm, 2025
éclats no.07, Digitalprint auf Glas, 66 x 66 cm, 2025
éclats no.08, Digitalprint auf Glas, 66 x 66 cm, 2025
éclats no.09, Digitalprint auf Glas, 45 x 45 cm, 2025
éclats no.10, Digitalprint auf Glas, 45 x 45 cm, 2025
éclats no.11, Digitalprint auf Glas, 45 x 45 cm, 2025